Psychoanalyse für Künstler

Hervorgehoben

 “Psychoanalyse für Künstler ist so schwierig und so gefährlich, weil sie dem, der es ernst nimmt, leicht das ganze Künstlertum zeitlebens verbieten kann. Geschieht das bei einem Dilettanten, dann ist es gut – geschähe es bei einem Händel oder Bach, so wäre es mir lieber, es gäbe gar keine Analyse und wir behielten dafür den Bach.“ 

Hermann Hesse an C.G. Jung, 1934

Zum Hesse-Zitat

Das Hesse-Zitat auf der Startseite oben steht in einem Zusammenhang, der beleuchtet werden muss.
Dies ist der Text:

Für Sie, den Arzt, ist Sublimieren etwas Gewolltes, Überführung eines Triebes in ein unerkenntliches Gebiet der Anwendung. Für mich ist Sublimierung zwar letzten Endes auch Verdrängung, aber ich wende das hohe Wort nur an, wo es mir erlaubt scheint von geglückter Verdrängung zu reden, also von Auswirkung eines Triebs auf einem zwar un-eigentlichen, aber kulturell hochrangigen Gebiet, zum Beispiel dem der Kunst. Ich halte zum Beispiel die Geschichte der klassischen Musik für die Geschichte einer Ausdrucks- und Haltungstechnik, in welcher ganze Reihen und Generationen von Meistern, fast immer ohne es zu ahnen, Triebe auf ein Gebiet überführt haben, das dadurch, auf Grund dieser echten Opfer zu einer Vollendung kam, zu einer Klassik. Eine solche Klassik ist mir jedes Opfer wert, und wenn z.B. die klassische europäische Musik auf dem raschen Weg ihrer Vollendung von 1500 bis ins 18. Jahrhundert ihre Meister, viel mehr Diener als Opfer verschlungen hat, so strahlt sie dafür seither ununterbrochen Licht, Trost, Mut, Freude aus, ist für Tausende, ebenfalls ohne dass sie es richtig wussten, eine Schule der Weisheit, der Tapferkeit, der Lebenskunst gewesen und wird es noch lange sein.

Und wo ein begabter Mensch mit einem Teil seiner Triebkräfte solche Dinge fördert, finde ich seine Existenz und sein Tun von nächstem Wert, auch wenn er vielleicht als Individuum pathologisch ist. Was mir also bei einer Psychoanalyse unerlaubt scheint: das Ausbiegen in ein Scheinsublimieren, das scheint mir erlaubt, ja höchst wertvoll und erwünscht, wo es gelingt, wo das Opfer Früchte trägt.

Eben darum ist ja die Psychoanalyse für Künstler so schwierig und so gefährlich, weil sie dem, der es ernst nimmt, leicht das ganze Künstlertum zeitlebens verbieten kann. Geschieht das bei einem Dilettanten, dann ist es gut – geschähe es bei einem Händel oder Bach, so wäre es mir lieber, es gäbe gar keine Analyse und wir behielten dafür den Bach.

Den letzten Absatz halte ich nach wie vor für schlagend.
Der Rest der Hesse’schen Einlassung, die ihn dahin führt, ist allerdings, geben wir es ruhig zu, mehr als fragwürdig. Nein, das reicht nicht. Man muss leider sagen: Es ist furchtbarer Quatsch. Hier lässt sich der Schriftsteller Hesse gegen seine eigenen Interessen viel zu sehr – und ohne jede Notwendigkeit – von der psychoanalytische Herleitung der künstlerischen Tätigkeit aus malignen Faktoren einfangen.
Als wäre Triebverzicht deren einzige Triebfeder – und wenn, dann müsste dasselbe ja wohl für das Bauen von Häusern, das Austragen von Zeitungen oder das Fällen eines Baumes gelten (also kann die Psa. aufhören, vom Künstler zu reden, als wäre er etwas Besonderes; sie kann aufhören, ihn negativ zu idealisieren; sie kann aufhören, ihn derartig giftig zu attackieren, wie sie es bei einem Anwalt, einem Chirurgen, einem Psychoanalytiker selbst niemals täte).

Für mich als Schriftsteller ist meine Kunstausübung immer eine Erweiterung meiner Liebe, eine zusätzliche Kommunikation (das Ausleben meines Sprachvermögens), und nicht deren Ersatz. Schreiben ist für mich nie ein Zwang, es ist eine lustvoll ausgeübte Fähigkeit. Kunst ist Liebe, nicht Krankheit.
Der nach Heinz Kohut wohl lesenswerteste Psychoanalytiker in Bezug auf die Künste, Ernst Kris, hat den Unterschied zwischen innerlich unfreier Kunst – “erstarrte Lebendigkeit” – und ihrem Gegenteil deutlich dingfest gemacht. Die benignen Faktoren – der Künstler hat sich seine innere Offenheit für schöpferische Vorgänge bewahrt, seine Wachheit für das Neue, seine Sensibilität für Zwischentöne  – überwiegen. Das Vorbewusste tut erfinderisch seine Arbeit.
“Intelligenz”, sagt der Psychoanalytiker Erich Fromm, “ist eine Funktion der inneren Freiheit.” Und dasselbe gilt für die schöpferische Tätigkeit.
Indem die real existierende Psychoanalyse – die ihre eigene, ausufernde Literatur schon längst nicht mehr kennt – diese Benignität leugnet und sie ihren Patienten durch missbräuchliche therapeutische Gewalt zu nehmen sucht, verfügt dieser nicht über mehr und freiere Energien, sondern über weniger und gehemmtere.
Daher hat die Psychoanalyse auch nur Wenige intelligenter gemacht, sondern Viele dümmer, sie hat sie ihrer inneren Offenheit durch paternalisierende, autoritäre Gewalt beraubt; und bekommen hat der (wenn’s nach dem Willen des Analytikers läuft: ehemalige) Künstler im Gegenzug – nichts.
Kurz, indem Hesse das fatale, neidische Spiel eines muffig-kleinbürgerlichen Milieus künstlerisch Talentloser, das sich in der real existierenden Psychoanalyse breitmacht, durch Zustimmung adelt, rettet er in seinem minimalen Widerspruch vielleicht Bach für die Welt – aber nicht für Bach.

Da liegt der Irrtum seiner Argumentation – Bach, der sein Leben lang komponiert hat wie kein zweiter, der Humor, Virtuosität, Mathematizität, Melodiosität und Leidenschaft in seiner Musik ganz nach Belieben mal mit Bescheidenheit, mal mit Pathos verband, in einem Reichtum an Formen und Ausdrucksmöglichkeiten, einer schöpferischen Freiheit, wie sie vielleicht noch Shakespeare auf dem Theater und Picasso in der Malerei kannte, ausgerechnet dieser Bach soll, wie Hesse der psychoanalytischen Argumentation zugesteht, “pathologisch” verdrängt haben, als “Opfer” von seiner Kunst “verschlungen” worden sein?
Wie gesagt, ich halte das für furchtbaren Quatsch.

Aber wenn der Schriftsteller Hesse schon selbst so argumentiert, was soll dann erst einen durchschnittlichen Psychoanalytiker daran hindern, seinen mediokren Hass auf das Besondere in solchen Gedankenfiguren zu verstecken?!

Wenig.
Das macht den Quatsch so gefährlich.

Psychoanalyse im öffentlichen Diskurs

Viele Psychoanalytiker, mit denen ich in den letzten Dekaden gesprochen habe oder schriftlichen Kontakt hatte, gefallen sich in der Rolle des psychoanalytischen Aufklärers, der in der Öffentlichkeit unverstanden, ja, geradezu angefeindet ist – ein Erbe der Zeiten Freuds, in denen diese Beobachtung richtig war, die aber eben durch Freud und seine Schüler längst überwunden wurde.
Heute erklären sich Psychoanalytiker fast jede Woche in höherklassigen Magazinen, Kultursendungen im TV, Qualitätszeitungen, Universitäten, Schulen, im Rundfunk, im Film. Nicht die Unterdrückung der Psychoanalyse ist das Problem, sondern ihre Allgegenwärtigkeit, die Ubiquität ihrer Sprech- und Sichtweisen, ihres Vokabulars, ihrer Haltung.
Dies, weil sie nicht die Welt in der Vielfalt ihrer Erscheinungen erklärt – das ist die Aufgabe der Wissenschaft, der Kultur, der Medien (und in ihrer Gesamtheit erledigen diese, der öffentliche Diskurs, die Aufgabe ziemlich gut). Sondern, weil sie, die Psychoanalyse, die Welt und ihre Phänomene immer wieder herunterbricht auf ihre immer wieder selben Erklärungsmuster und Patterns.
Sie erklären sich, sie erklären die Welt – und oft genug ohne nähere Kenntnis derselben. Was in den Einzelbeiträgen dieser Kategorie, “Psychoanalyse im öffentlichen Diskurs” noch zu beweisen ist.

Die Psychoanalyse hat sich durchgesetzt, wie früher nur die Religion? Auch das müsste bewiesen werden.
Ein erster Wahrscheinlichkeitsbeweis ist allerdings schnell angetreten. Beschimpfen Sie Ihren besten Freund einmal als Neurotiker, ein Lieblings-Fachausdruck der Psychoanalyse, den vor 100 Jahren niemand verstand.
Sie werden schon sehen.

Überhaupt gehört zu den weniger schönen Erscheinungen der Psychoanalyse ihr Zeige-Gestus: Der andere …

 Kommt Ihnen das bekommt vor?
Ein anderes Beispiel: “Das habe ich verdrängt.”

Die Psychoanalyse ist längst im Alltagsbewusstsein angekommen, ihr Vokabular (vor allem dasjenige, das sich dazu eignet, andere auszugrenzen und nieder zu qualifizieren: Der “Neurotiker”, der “Narzisst” usw. ist in der Tat immer der andere, und wie!) ist in den letzten Dekaden in den allgemeinen Sprachgebrauch eingesickert; ihre Ansichten und Erklärungen gehören zur modernen Innenausstattung jedes halbwegs Gebildeten.
Man muss nicht mehr Woody Allen heranziehen, um den Psychoanalytiker als etablierte Figur des Films nachzuweisen. Auch z.B. das Hollywood-Produkt “Couchgeflüster”, ein Film der Gattung romantische Komödie, mit der wohl erfolgreichsten Schauspielerin der Welt, Merryl Streep, oder die Serie des Erfolgssenders HBO “In Treatment” (dt. “Der Therapeut”) mit einem wunderbar überzeugenden Gabriel Byrne als Analytiker belegen die Pop-Fähigkeit, die Popularität der Psychoanalyse. Vom Erfolgsfilm Good Will Hunting, einem frühen Geniestreich der Schauspieler/Drehbuchautoren Ben Affleck und Matt Damon (in dem der zu unrecht 2014 verstorbene Robin Williams den Therapeuten spielt), ganz zu schweigen.
Therapiefilme sind erfolgsfähig, sind in.

Dass sie, die Psychoanalyse, dabei in der Regel viel zu gut wegkommt, ist eine andere Frage. Byrne und Streep, auch Robin Williams, spielen Kunstfiguren – prägen aber gleichwohl das Bild vom Therapeuten in der Öffentlichkeit mit.
Gabriel Byrne etwa, der in anderen Produktionen schon überzeugend den Teufel persönlich gespielt hat, ist in der Rolle des Therapeuten liebenswert, wunderbar, im besten Sinne väterlich. Und sicher gibt es den oder jenen Analytiker, der genau diese Eigenschaften auf sich vereinigt.
Etwas Ähnliches lässt sich über Robin Williams sagen, dessen liebevolle Knopfaugen-Persona – hier im ursprünglichen, das Theater betreffenden Sinne gemeint (manche Begriffe muss man einfach auch einmal aus der liebevoll erdrückenden Umklammerung der Psychoanalyse erlösen) – man einfach lieben muss.
Den echten, real existierenden, den eher weniger väterlichen als vielmehr oft autoritären Analytikern wird dies kaum gerecht.
Weshalb ich auch gern von der real existierenden Analyse rede – und die ist, im Gegensatz zur idealisierten Psychoanalyse, welche von den Analytikern in Talkshows und Podiumsrunden, Enquete-Kommissionen und Krankenkassen-Anträgen dargestellt wird, nicht besser als der real existierende Sozialismus im Vergleich zur sozialen Blütenträumerei seiner Begründer.
Wenigstens Merryl Streep zeigt die von ihr gespielte Psychoanalytikern als eben die problematische, widersprüchliche, unsouveräne Person im Alltagsleben, welche die Analytiker, wider unsere von diesen bewusst geschürte Erwartung, eben auch oft sein können.
Es ist dies nicht die Botschaft des Films, aber am Rande wird deutlich: Psychoanalytiker, die letzten Halbgötter der Medizin, sind nicht besser als der Rest – sie wollen es uns aber vormachen.

Doch Pop ist natürlich nicht Qualitätspresse, Hollywood nicht der öffentliche Diskurs, und in die Alltagssprache abgesunkene – und dementsprechend verflachte – Bruchstücke aus dem terminologischen Erfindungsreichtum Freuds zeigen zwar die Ankunft der Psychoanalyse in der Gesellschaft (auch in deren bildungsferneren Gebieten), beweisen aber nicht, dass psychoanalytisch-fachliche Grundsätze oder Perspektiven – und: welche? – sich in den entscheidungsrelevanten Diskursen durchgesetzt hätten.

Wie sich also der psychoanalytischen Durchdringung annähern?

Statt uns mit weitreichenden quantitativen Erhebungen aufzuhalten, die am Ende nichts erbringen als die eine oder andere Zahl – deren Bedeutung wiederum Gegenstand einer Interpretation wäre, welche selbst wieder quantitative Belege sucht usw. -, wähle ich hier den unsystematischeren, reizvolleren Ansatz. In den Artikeln dieser Kategorie reagiere ich auf die Begegnungen mit der Psychoanalyse im alltäglichen Diskurs, in der Lektüre der ZEIT, in der Süddeutschen, im SPIEGEL, der taz und FAZ, in Film und Literatur, im Tagesspiegel, in Radio und TV, in Ausschnitten der Kunst- und Kulturpresse, in Verlagsprogrammen, Buchhandlungen, aus den Medien insgesamt.
Der zu verschmerzende Nachteil ist der Verlust der Vollständigkeit.
Der erfreuliche Gewinn ist ein zu erwartendes Plus an Fülle, Buntheit, Vielfalt an scharfsinnigen Argumenten, Beobachtungen und scharfsinnigeren Gegenargumenten.

Ohnehin könnte ich persönlich nicht mehr leisten als dies.
Die Präsenz der Psychoanalyse im öffentlichen Diskurs systematisch zu untersuchen, das wäre Aufgabe einer Forschungsstelle – die dann aber mit Sicherheit anderes zu tun hätte. Es ist nicht der Job eines einzelnen Bloggers, der sich zwar rühmen möchte, mit wachen Augen das Zeitgeschehen zu verfolgen, aus seinem Blog aber keine Magisterarbeit oder einen Pressespiegel der Psychoanalyse machen kann.

Ich bin allerdings überzeugt davon, dass auch der geplante unsystematische, fragmentarische Ausschnitt aus der alltäglichen Presselandschaft bereits deutliche Ergebnisse zeitigen wird.
Es werden sich, da bin ich sicher, ausreichende Hinweise darauf finden, dass und wie die Psychoanalyse sich als durchgesetzte, anerkannte Wirkmacht (samt Krankenkassenzulassung und universitären Netzwerken) zugleich noch als kritisch-aufklärerisch geriert: Affirmativ als Anpassungspraxis in der Realität und subversiv als Aufklärungspraxis in der Theorie.

Affirmative Subversion …

Man denkt bei dieser Doppelstrategie vielleicht ein wenig an die der Firma Apple, die, wie man ihr nachsagt, das Kunststück vollbracht hat, ihre Produkte zugleich als cool und als Mainstream zu etablieren. Apple ist das an der Börse höchstnotierte Unternehmen der Geschichte überhaupt. Die Psychoanalyse mit ihrem weltweiten Netz von Ausbildungsinstituten, universitären Vertretungen, Praxen, Publikationen und Lobbyisten, ihrem Übergriff in Wissenschaften, Politik und Medien ist das wirkmächtigste außerreligiöse Interpretationssystem der Geschichte.
Apple für Intellektuelle, möchte man rufen.

Was ist der coole Aspekt?
Einerseits hängt sich die Psychoanalyse in ihrem aufklärerisch-kritischen Potenzial, das wir im Kultur- und Kunstbetrieb gern mit Freuds Kämpfen gegen die muffig-verklemmte Wiener Gesellschaft des Fin de Siècle, mit Adorno, Habermas, der Frankfurter Schule und den ’68ern verbinden, das Mäntelchen der intellektuellen Subversion um. Das ist der coole Aspekt.
Und es ist gar nicht mal falsch. Ideologie ist vieles Richtige in einem falschen System – und dass die Psychoanalyse als ein provokantes Interpretationssystem neben anderen seit über hundert Jahren eine ganze Reihe von Erkenntnissen gebiert, die brauch- und anwendbar sind, kann niemand leugnen.
Die sogenannte feine Wiener Gesellschaft, die nicht Freud, aber Schnitzler ein für allemal entlarvend und richtig beschrieben hatte, war gegenüber beiden im Unrecht. Das ist so.
Zugleich allerdings steckt in dieser Frühphase der Psychoanalyse – aus der Zeit, als sie noch das Beste war, das man auf dem Markt der aufklärerischen Ideen finden konnte, –  eine gefährliche Falle: Denn wer möchte die Psychoanalyse schon kritisieren und sich auf diese Art mit der muffigen Moral des späthabsburgerlichen Wien gemein machen?
So steht der Kritiker der Psychoanalyse schon von vornherein unter dem Verdacht des bornierten Konservatismus, und das machen ihre Apologeten sich im Streit der Meinungen gern zunutze.

Ich möchte den Vorwurf umdrehen.
Denn im Alltag haben wir es nicht mit dem genialen Fälscher, Kokser und Abschreiber Freud, mit Kohut, Margaret Mead, den Mitscherlichs oder anderen Heroen der psychoanalytischen Geschichte zu tun.
Das ist Psychoanalyse für Sonntagsreden.
Im Alltag, auf der Gegenseite des “coolen Aspekts” steht das, was im Vergleich mit der coolen Computerfirma dem kommerziellen Mainstream-Aspekt entspricht: Menschen mit einer psychoanalytischen Zusatzausbildung, die ein hochpotentes Ideen- und Rüstzeug in der Hand halten, das sie – ob sie können oder nicht – auch einzusetzen gedenken.
Dabei kommen, nicht bei den Superstars der Psychoanalyse, aber schon in der zweiten Reihe danach, wie im Folgenden zu zeigen sein wird, krude Missinterpretationen, grobe Ungenauigkeiten und von der Realität abgehobenen Abstraktionen zustande – die leider nicht im abstrakten Bereich verbleiben.
Denn in der Therapie führen falsche Theoriegebäude zu fehlerhaften Handlungen – und da Therapeuten reale Macht über ihre Patienten besitzen, sind diese oft genug fatal.
Diese andere Seite ist die real existierende Psychoanalyse mit all ihren bekannten Problemen (körperlicher und seelischer Missbrauch, Niedertherapieren von Künstlern usw.) und der abstumpfend autoritären Dominanz ihrer simplifizierenden Thesen.

Diese real existierende Psychoanalyse wird sich auch dort finden lassen, wo man eigentlich ihre Spitzenvertreter vermutet: In Kommentaren, Glossen, Interviews, Auftritten, steilen Thesen, Buchvorstellungen, Beiträgen, Rezensionen. Sie versteckt sich in der Öffentlichkeit und macht sich unsichtbar – bis man hinsieht.
Einige solcher Funde vorzustellen, das ist die Aufgabe dieser Kategorie des Blogs Psychoanalyse | Freud. Es sind die Psychoanalytiker, die hier die ganze Arbeit tun: Sie entlarven sich selbst. Man muss nur den Vorhang heben.

Am Ende wird eine Erkenntnis stehen, die ich hier erst einmal als Frage in den Raum stellen möchte:
Ist eine Psychoanalyse, die – wie schon andere Institutionen vor ihr – links blinkt, aber rechts abbiegt, überhaupt zu retten?

Es gilt, die Psychoanalyse aus der Perspektive der Aufklärung zu kritisieren, befeuert vom akademischen, linken oder linksliberalen Diskurses, von den Geistes- und Sozialwissenschaften und – ganz und gar nicht zuletzt – der Kunst. Psychoanalyse | Freud möchte einen kleinen Beitrag dazu leisten.
Dabei wird herauskommen, dass nicht die Kritik an der Psychoanalyse überholt und rechts ist (soweit die alte Rechts-Links-Unterscheidung noch sinnvoll ist); sondern: Die real existierende Psychoanalyse in ihrer, auch im zweiten Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts noch autoritären Praxis ist rückwärtsgewandt – und “rechts”.